Peter Poulsens diskografier findes her

Jo Banks – ein Blues ganz ohne Schema Zurück

Es ist schon ungewöhnlich: Zwei Jahre nach Veröffentlichung der ersten Version dieser Geschichte tauchte zuerst Peter Poulsen auf mit einer Quelle, die mir vorher nicht zugänglich gewesen war, sodass ich im Mai 2006 eine erste Aktualisierung schrieb. Noch einmal ein halbes Jahr später hat sich nun Jo’s Adoptivtochter Debra gemeldet, von deren Existenz ich trotz des Kontakts zu ihrem Bruder Paul nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Sie konnte weitere Details beisteuern und offene Fragen beantworten. Im Folgenden haben wir jetzt also die dritte und vermutlich endgültige Fassung der Jo Banks-Geschichte:

Wer im Internet nach Jo Banks sucht, findet überwiegend Einträge zu dem britischen Maler Jo Banks aus der viktorianischen Epoche und zu der literarischen Figur Dr. Jo Banks, einer jungen ƒrztin aus Manhattan in Robin Hathaway’s Roman „Scarecrow“ (2003). ‹ber die Person, die ich meine, erfährt man so gut wie nichts. Dabei ist die Geschichte dieses Mannes absolut erzählenswert.

Geboren wurde Jo Banks im Jahr 1917 in der Gegend von Philadelphia, PA, zu einer Zeit also, in der bittere Armut und permanente Diskriminierung für die allermeisten Schwarzen in den USA noch an der Tagesordnung waren.

Über sein Elternhaus, seine Kindheit und seine jungen Jahre sprach Jo nie. Inzwischen weiß ich, dass er seinen Vater gar nicht, seine Mutter nur einmal als Vierjähriger zu Gesicht bekam. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, einem schwarzen Baptisten-Prediger, der selbst noch Sklave gewesen war, und einer Indianerin. Der Großvater verstarb, als Jo fünf Jahre alt war, und der Junge kam dann in ein Waisenhaus - merkwürdigerweise in Louisiana. In früher Jugend schlug er sich tatsächlich noch als Baumwollpflücker, später in den schwarzen Großstadt-Ghettos an der Ostküste als Bauarbeiter, Küchenhelfer, Koch, Mittelgewichtsboxer und Baseball-Spieler durch. Außerdem war er eine Zeitlang als Redakteur in Texas tätig (vermutl. in Dallas), bis er eines bestimmten Artikels wegen vom Ku Klux Klan geteert, gefedert und aus der Stadt gejagt worden sein soll. Während des 2. Weltkriegs fuhr er als Matrose der Handelsmarine zur See.

Wohl nach Kriegsende ließ er sich in Chicago nieder. Als Matrose war er auch nach Kopenhagen gekommen, hatte dort einen Fotografen kennengelernt und war ihm zur Hand gegangen. Nun machte er sich mit einem eigenen Porträt-Studio auf der Südseite der „Windy City“ einen ausgezeichneten Namen. Er hat mir noch Aufnahmen von Persönlichkeiten aus der Film- und Musikbranche gezeigt. Klassische Schwarz-Weiß-Fotografien, geschaffen in meisterlich inszenierten Licht- und Schatten-Kompositionen von zeitloser Schönheit. Und sein Ruf reichte weit über die Stadt hinaus, wie mehrere Veröffentlichungen über ihn in amerikanischen Fachzeitschriften belegten. Auch davon habe ich einige 1972 noch selbst gesehen. Nur kann ich sie hier leider nicht zitieren, denn damals dachte ich noch nicht daran, mir solche Details schriftlich für später zu merken.

Und es blieb nicht beim Fotografieren. Jo trat als Sänger auf und begleitete sich dabei auf der Gitarre. In der berühmten Old Town School Of Folk Music hatte er inzwischen etwas spielen gelernt. Sein Repertoire bestand aus Klassikern des ländlichen und frühen großstädtischen Blues und aus eigenen Titeln, und es muss vor allem während der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gewesen sein, als er sich auf kleinen und kleinsten Club-Bühnen seinen höchst eigenwilligen Vortragsstil schuf, der mit keinem anderen mir bekannten schwarzen Künstler jener Zeit vergleichbar wäre. Während dieser Zeit eröffnete er in Chicago auch seinen ersten ‚Club Purple Door’ und etwas später ein größeres Lokal, den ‚Club Green Door’, im Hyde Park-Viertel von Chicago. Sie wurden schnell zu Treffpunkten unter den Insidern der Stadt. Hier schlossen Jo und seine weiße Frau Karen, selbst Musikerin und als Studentin eine Kommilitonin von Pete Seeger’s Halbbruder Mike und eine engagierte Bürgerrechts-Aktivistin, so manche Freundschaft mit später weltbekannten Blues-Größen, allen voran mit Big Bill Broonzy, den Karen schon vor ihrer gemeinsamen Zeit mit Jo kennen gelernt hatte. Ihr ist es auch zu verdanken, dass Jo Banks viele Jahre lang die letzte Gitarre von Big Bill Broonzy hütete.

Diese Gitarre ist eine Geschichte für sich. Gerüchteweise sind noch zwei andere Gitarren als Big Bill’s Instrumente im Gespräch, von denen eine (zeitweise im Besitz von John Pearse) völlig ausscheidet, weil nicht alt genug, während die andere zumindest von Big Bill gespielt wurde. (Dass es sich dabei um das Instrument handelt, das in der Old Town School of Folk Music in Chicago aufbewahrt wird, konnte mir inzwischen Hans Theessink bestätigen. Danke, Hans!). Diese hier ist aber ganz sicher echt und das letzte Instrument, das Bill besessen hat. Es handelt sich um eine Martin 0017, gebaut im Jahr 1940 aus kubanischem Mahagoni. Das war vor dem Sieg der kubanischen Revolution im Jahr 1959 ein ziemlich billiges Holz in den USA, und die Gitarre kostete Bill gerade mal $ 42 – auch damals nicht sehr viel Geld. Nach Big Bill’s Tod im August 1958 ordnete Karen Banks seinen Nachlass und kaufte Big Bill’s verschuldeter Witwe das Instrument für $ 150 ab. Bis heute befindet es sich im Besitz der Familie Banks. Nach Karen’s frühem Tod 1964 war es in Jo’s Obhut, und ich werde nie vergessen, mit welcher Ehrfurcht ich als 18jähriger das Instrument aus seinem Koffer nahm, in Händen hielt und ein paar zaghafte Akkorde darauf anschlug, als Jo es mir 1972 in Kopenhagen zeigte. Heute gehört das geweihte Stück, inzwischen sorgfältig restauriert, Karen’s Sohn, Jo’s Stiefsohn Paul Banks und wird von dessen jüngstem Sohn gespielt.

Es waren die guten Erinnerungen an Kopenhagen, die Jo 1961 dazu bewegten, mit seiner Familie nach Dänemark umzusiedeln. Dort hatte er zum ersten Mal nicht dauernd an seine Hautfarbe denken müssen, sagte er einmal zu seiner Adoptivtochter. Man bedenke, dass Mischehen zwischen Schwarzen und Weißen zu dieser Zeit in den Staaten noch starken, ja brutalen Anfeindungen ausgesetzt waren. Hinzu kam, dass der Kampf um die Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung ganz allgemein in seine heißeste Phase eintrat. Viele schwarze Künstler verließen damals die Staaten in Richtung Europa, etliche davon gingen nach Paris. Einer der Punkte, die zur Radikalisierung des Konflikts beitrugen, war ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 17. Mai 1954 im Fall „Brown versus Board of Education of Topeka, Kansas“, mit dem die Rassentrennung an den amerikanischen Schulen und Universitäten zwar offiziell aufgehoben worden war, an dessen Umsetzung es aber allenthalben nach wie vor mangelte.

Und dies führt mich auf einen der markantesten Züge von Jo’s Persönlichkeit. Denn Jo war kein einfacher schwarzer Junge vom Lande geblieben, der ein bisschen Musik machte und mehr oder weniger zufällig auch noch ein ausgezeichneter Fotograf geworden war. Jo war hoch gebildet und jedem Gespräch unter Intellektuellen gewachsen. Er zitierte nicht nur Shakespeare aus dem ƒrmel. Er kannte sich bei europäischen Philosophen von Plato bis Nietzsche aus und beherrschte ein umfangreiches Geschichtswissen, was für Amerikaner ganz allgemein bis heute untypisch geblieben ist. Da stellt sich die Frage, wie Jo Banks es geschafft hatte, sich dieses Bildungsniveau anzueignen, in einer Zeit, in der alle offiziellen Bildungseinrichtungen den Schwarzen verschlossen waren.

Er selbst erzählte mir einmal, er sei Autodidakt, habe sich alles selbst zusammen gesucht und angelesen. Das ist schon möglich. In den Autobiographien so mancher Black Panther- und Black Muslim-Aktivisten ist nachzulesen, dass auch sie ihren Intellekt auf eigene Faust in Bibliotheken geschult hatten, ehe sie öffentlich in Erscheinung traten – zumeist in den Bibliotheken der Gefängnisse, in denen sie immer wieder einsitzen mussten. Sie erwähnen aber auch, dass sie konkrete Mentoren gehabt hatten, einzelne Persönlichkeiten, die sie an die Lektüre herangeführt und ihre ersten Schritte begleitet hatten. Auf diese Weise wurde beispielsweise Malcolm X einer der brillantesten Analytiker der amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit. Sein Mentor war selbst ein Schwarzer gewesen. Und schließlich gab es auch die kleine Klasse der sogenannten „schwarzen Bourgeoisie“, die ihre Bildung der gezielten Förderung durch liberal eingestellte, wohlhabende Weiße verdankte.

Von solchen Begegnungen und Erfahrungen sprach Jo Banks jedoch nicht, so wie er mir auch nie erzählte, von wem er das Fotografieren oder das Gitarrespielen erlernt hatte. Deshalb hatte ich in meiner ersten Version dieser Geschichte einige spekulative Überlegungen dazu angestellt.

Dabei ist die Lösung ganz einfach. Denn das Waisenhaus in Louisiana war eine katholische Einrichtung gewesen. Und obwohl die katholische Kirche zwar für hervorragende Schulen, nicht aber als Vorreiterin im Kampf gegen den Rassismus bekannt ist, ließ das katholische Waisenhaus in seiner eigenen Schule und ungeachtet der damals noch gültigen Rassenschranken dem kleinen Jo eine gute Ausbildung angedeihen. Es verband damit wohl die Hoffnung, Jo würde später auch das Priesterseminar besuchen, denn in den USA hatten die Katholiken damals schon Priestermangel. Da spielte Jo zwar nicht mit, denn mit 16 riss er aus, aber die Zeit bis dahin hatte er fleißig genutzt und danach niemals aufgehört weiter zu lesen. Jedenfalls hob ihn sein geschliffener Intellekt deutlich aus dem Kreis der bekannten Blues-Musiker heraus und trug bei zu der Faszination, die Jo auf andere Menschen ausübte. Und er war sich dessen auch durchaus bewusst. Er bezeichnete sich selbst mir gegenüber einmal als „refined Negro“, ohne das allerdings näher zu kommentieren.

Wie dem auch sei, 1961 ließ er sich mit seiner Familie in Dänemark nieder und bezog ein Apartment in der Nähe des Hafens von Kopenhagen. Das geräumige Wohnzimmer diente zugleich als Fotostudio und entwickelte sich alsbald auch zu einem Treffpunkt, an dem sich junge Musiker zu sonntäglichen Sessions trafen. Die Konsequenz war die Eröffnung eines neuen ‚Club Purple Door’ am Højbro Plads, der später neue Räumlichkeiten in der Fiolstræde fand und von dort aus „Weltruhm“ erlangte. Denn wie Jo stolz berichtete, pilgerten musikbegeisterte junge Leute auf ihren Rucksackreisen auch aus entfernten Weltgegenden zu ihm und reichten die Adresse untereinander weiter. Jo konnte mir sogar Postkarten aus Australien zeigen.

Aber auch in Kopenhagen selbst war der ‚Club Purple Door’ eine Sensation. Ein Café für junge Leute mit Blues- und Folk-Musik live, wenn auch klein und ohne richtige Bühne, hatte es zuvor in Dänemark nicht gegeben. Und die persönliche Ausstrahlung von Jo Banks sorgte dafür, dass er auch viel öffentliche Aufmerksamkeit fand. Die Zeitungen berichteten über ihn, er trat mehrfach im dänischen Fernsehen auf, und 1965 veröffentlichte die dänische Columbia eine LP von Jo Banks mit dem Titel „Jo Banks Of The Purple Door“, eine sparsame Produktion im Stil jener Zeit, auf der Jo Banks einige traditionelle Folk- und Blues-Songs sowie eigene Titel vortrug.

Beim 6. Folk & Blues Festival in Syke bei Bremen trat Jo dann vermutlich zum ersten Mal in Deutschland auf (zusammen mit seinem Stiefsohn Paul). Wann genau das war, kann man mir heute nicht einmal mehr in Syke selbst sagen, aber es muss wohl 1969 gewesen sein. Dort traf er mit dem Folk-Blues-Gitarristen und -Sänger Udo Henrich aus Düsseldorf zusammen, der sich daraufhin vornahm, Jo auch in Deutschland bekannter zu machen. Von Udo stammt auch das bis jetzt einzig brauchbare Info-Papier über Jo Banks, von dem ich noch ein vergilbtes Exemplar in meinem Archiv hüte. Und seine Tochter Bettina – Udo verstarb traurigerweise früh – konnte mir auch die hier abgebildeten Fotos aus dem Nachlass ihres Vaters zur Verfügung stellen. Herzlichen Dank dafür! Udo Henrich organisierte eine Reihe von Auftritten für Jo Banks in Deutschland und brachte ihn auch in den Düsseldorfer Folk-Club ‚Danny’s Pan’, wo ich Jo dann kennen lernte.

Die Auftritte von Jo Banks im ‚Danny’s Pan’ waren in mehrfacher Hinsicht eine Offenbarung. Für uns junge Leute von gerade mal 17 Jahren war es die erste Begegnung mit einem „echten“ schwarzen Amerikaner. Schwarze gehörten damals generell noch nicht so selbstverständlich zum Straßenbild deutscher Städte wie heute. Es gab nur ein paar wenige Studenten und Diplomaten aus Afrika. Es sei denn, man lebte im Großraum Frankfurt, wo es viele schwarze GIs gab, und wo deshalb auch schon früh schwarz-amerikanische Musiker auftraten. Wir aber kannten schwarze Musik bis dahin nur von Schallplatten oder von weißen Adepten.

Wenn Jo die Bühne betrat, füllte er mit seiner Aura sofort den ganzen Raum aus, noch ehe er die erste Note gesungen hatte. Er war nicht der locker-sportive Typ, der mit dem ganzen Körper in swingende Bewegung geriet, wenn er spielte, wie die damals jungen Jazzer. Stattdessen schien er – auch noch mit Krawatte – auf eine fast schon britische Art steif. Er war auch nicht der etwas müde wirkende Mann, der mit breitem Südstaaten-Akzent und tiefschwarzem Slang von Whisky und Frauen sang, wie etwa John Lee Hooker. Er stand wie fest genagelt und kerzengerade auf der Bühne (nur gelegentlich benutzte er einen Hocker), sprach und sang ein sauber artikuliertes, fast schon unamerikanisches Englisch und verbreitete eine nicht so sehr majestätische, sondern nahezu despotische Ausstrahlung. Er riss sein Publikum nicht mit in Begeisterung, sondern er ließ es in andächtiger Erfurcht erstarren. Er wirkte wie ein Magier, der sich mit Kaninchen gar nicht erst aufhielt, sondern direkt sein ganzes Publikum mit einem Bann belegte, aus dem er kein Entrinnen duldete.

Und musikalisch hielt er sich auch nicht an das zwölftaktige Blues-Schema, nahm sich vielmehr alle Freiheiten, die ihm geeignet erschienen. Er war auch gar kein Blues-Sänger im üblichen Sinne, sondern ein Künstler, für den der Blues nur eine von vielen Quellen war, aus denen er seine Ausdrucksmöglichkeiten schöpfte. Ein Blues-Sänger war er allenfalls in dem Sinne, dass das weiße Publikum eine Schublade hatte, in die es einen schwarzen Sänger mit Gitarre stecken konnte – nur, dass Jo Banks sogleich wieder daraus hervor sprang, um seine Zuhörer eines Besseren zu belehren.

Und sein Vortragsstil war einmalig. Die Gitarre spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Was er den Saiten entlockte, klang eher holprig und ungelenk und hätte niemanden beeindruckt. Selbst wir blutjungen Deutschen spielten flüssiger, swingender, modulationsreicher. Aber seine Stimme war ein Instrument von unwiderstehlicher Magie, fast eine Waffe. Sie hatte keinen warmen, sonoren Klang, sondern eher etwas Schrilles, und er liebte es, sich in den hohen Tonlagen auszutoben. Er war ein absolut tonsicherer Sänger, bewegte sich aber ständig in Richtung eines Sprechgesangs, der ihm mehr Möglichkeiten bot, jedes Wort, jede Silbe unabhängig von Rhythmus und Melodie so zu betonen, wie ein Theaterschauspieler das tut. Überhaupt hatte seine Performance viel vom Sprechtheater europäischer Tradition. Auch wenn Jo sang, ließ Shakespeare grüßen. Und so standen denn auch seine Texte absolut im Vordergrund, und da schienen ihm die traditionellen Inhalte des Blues nicht so bedeutsam wie glasklare Statements zur Zeit. Ob er die endlosen Selbsttäuschungen eines Junkies über seine angebliche Nicht-Abhängigkeit vom Stoff schilderte oder die Verlogenheit der politischen Klasse, die er, mit Anspielungen auf Hitler wie auf Nixon, als einen Haufen ebenso erbärmlicher wie gefährlicher Propaganda-Clowns porträtierte – an Deutlichkeit stand er den Protestsongs jener Zeit nichts nach. Und wenn er dann doch irgendwann Gershwin’s „Summertime“ oder das Traditional „Will The Circle Be Unbroken“ anstimmte, dann war das mehr ein Zugeständnis an die Erwartungen des Publikums als Jo’s eigenes inneres Bedürfnis. Sein Paradestück war der „Toy Shop Killer“, in dem er eine direkte Linie von kindlicher Weihnachtsfreude an Kriegsspielzeug über die Greuel des Vietnam-Krieges bis zum finalen Overkill zog. Diesen Song inszenierte er wie einen anspruchsvollen Gruselfilm, zog all seine Register und wirkte dabei so zwingend, dass sich kaum jemand einer Gänsehaut erwehren konnte. Die Sargnummer von Screamin’ Jay Hawkins und die Streiche so mancher späteren Gruftie-Band waren schwach dagegen.

Wenn Jo die Bühne verließ, hinterließ er kein Gefühl von Wärme oder Freude, sondern vor allem das Gefühl der Beklemmung. Dies schadete ihm jedoch keineswegs. Das Publikum war zu dieser Zeit ja offen für kritische Ansätze, Warnungen und Appelle aller Art. Seichte Unterhaltungsmusik lag sowohl in Amerika als auch in Europa scheinbar im Sterben. Der Disco-Hammer als erster einer neuen und bis heute nicht abgerissenen Serie von industriellen Schlägen gegen Musik mit Grips, gegen Vergnügen mit Geist (außerhalb der Klassik-Abteilung, versteht sich) war noch nicht hernieder gesaust. Und die Faszination, die von Jo’s Bühnenauftritten ausging, war unentrinnbar. Es blieb ein Weilchen still im Raum, bis das Publikum sich wieder gefasst hatte, aber dann gab es donnernden und lang anhaltenden Applaus.

Interessant war aber auch, wovon er nicht sang: Nicht nur, dass er – anders als in seinen Anfängen – kaum noch einen Blues im Repertoire hatte, er setzte sich überhaupt nicht mit seinem Schwarzsein auseinander, ignorierte es scheinbar völlig. Sein Freund Big Bill Broonzy hatte z. B. gesungen: „If you’re white that’s alright / if you’re brown stick around / but if you’re black, oh brother / git back, git back, git back“, und James Brown’s funky Hymne „Say it loud, I’m black and I’m proud“ war immer noch in jedermanns Ohr. Aber bei aller sonstigen Schärfe gab es zum Thema Hautfarbe und Rassismus bei Jo kein Wort.

Es war schon damals, als mein Kontakt zu Jo relativ eng war, unmöglich, mit ihm darüber zu sprechen. Keine Erläuterung, dass ihm vielleicht das Blues-Schema zu eng geworden wäre oder dass er den Blues in Europa nicht mehr so authentisch fühlen würde – irgendetwas in dieser Art, das ihn einerseits in eine persönliche Beziehung zur schwarzen Tradition gesetzt und zugleich seine Abkehr davon plausibel erklärt hätte. Sein oben erwähntes Zitat vom „refined Negro“ war das einzige, was ich von ihm dazu hörte. Obwohl er durchaus zur Kenntnis nahm, dass ich solche Themen nicht aus vordergründiger Neugier oder weißem Klischeedenken heraus anschnitt, sondern wirklich etwas von ihm lernen wollte, wich er stets aus. So bleibt auch hier nur der Versuch, sich ihm aus mehr generellen Kenntnissen und Erfahrungen heraus zu nähern.

Die Schwarzen in den USA beteiligten sich natürlich nicht alle am offensiven Kampf um ihre Bürgerrechte. Viele suchten auch Wege, sich ohne aktiven Widerstand dem rassistischen Druck zu entziehen. Die Sitte, sich das schwarze Kraushaar durch einen schmerzhaften Prozess zu glätten und womöglich zu färben und dazu auch noch die Haut durch Einnahme von Medikamenten zu bleichen, war einer davon, wenn auch ein sehr naiver. Die Afro-Wagenrad-Frisuren der 1960er Jahre waren die Antwort der Aktivisten auf diesen Verdrängungs- und Anpassungsversuch. Der Afro-Look blieb jedoch eine kurzlebige Mode, die sog. Conk-Frisuren, die geglätteten also, gibt es bis heute. Und den Extrem-Versuch, sein Äußeres möglichst „weiß“ zu gestalten, exerzierte wohl Michael Jackson vor – bis zur völligen Zerstörung seines eigenen Gesichts. Sehr hellhäutige Schwarze nahmen sogar eine ganz neue Identität an. Während andere sich voller Stolz provokante, afrikanisch klingende Namen zulegten, wechselten sie den Wohnsitz und ließen sich irgendwo nieder, wo sie niemand von früher kannte, um dort als Weiße weiter zu leben. Kein Problem im Vielvölkerland Amerika, wo eine nur leicht braune Hautfarbe vielerlei Rückschlüsse zulässt. Es kam vor, dass nicht einmal die Ehepartner von der schwarzen Abstammung solcher Grenzgänger wussten. Und ich werde hier nicht von den Schäden erzählen, die sie in ihren allzu angepassten Seelen erlitten, und die sich in vielen Fällen später in dramatischen Konflikten entluden. Schließlich gab es noch die, die nach Europa kamen. Die genossen zwar den Umstand, hier deutlich weniger Rassismus in ihrem Alltag zu erleben, traten aber auch ganz entschieden als Vertreter der afro-amerikanischen Kultur in Erscheinung, und einige von ihnen beteiligten sich aus dem Exil heraus vehement am Bürgerrechtskampf in den USA, z. B. der Schriftsteller James Baldwin.

Jo Banks passte in keine dieser Kategorien. Er kam nach Europa und tat scheinbar so, als sei damit die Frage seiner Herkunft vollständig erledigt, als ginge sie ihn nichts mehr an. Schwarz oder Nichtschwarz schien in seinem Denken nicht mehr vorzukommen, während es in den Staaten nach wie vor eines der explosivsten Themen war. Beschäftigen wollte er sich nur mit den übergeordneten Fragen der ganzen Menschheit, nicht mit Teilbereichen. Das europäische Bildungsgut hatte er so perfekt assimiliert, dass er manchen europäischen Gesprächspartner damit zu überflügeln vermochte. Dies schien aber für ihn kein Akt der Anpassung zu sein, denn dazu trat er viel zu selbstbewusst und souverän auf. Vielmehr schien er sich durch die Teilhabe an der „weißen Kultur“ der Verpflichtung gegenüber der schwarzen Tradition enthoben zu fühlen und wollte sich – verständlicherweise – schon gar nicht von Weißen wieder zurück auf den Blues festlegen lassen.

Indes hatte er entschieden zuviel Format, um wirklich zu glauben, dass man ein solches Erbe so einfach hinter sich lassen könnte. Ich vermute deshalb vielmehr, dass er diese Haltung als eine Art permanenter Forderung an seine Mitmenschen gelebt hat. So irrelevant, wie das Thema Hautfarbe in der Tat eigentlich sein müsste, so wollte er es auch behandelt sehen – quasi im Vorgriff auf bessere Zeiten, in denen die Menschen, ganz ungeachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft, einmal so vorbildlich miteinander umgehen würden wie auf der Brücke des Raumschiffs ‚Enterprise’. Ich glaube, aus dieser Perspektive wird man ihm am ehesten gerecht.

Aber er stieß damit auch manch einen vor den Kopf. Zu schwer zu verstehen war diese Haltung, denn anders als vielen anderen fehlte ihm jenes kleine bisschen Abstand zum eigenen Ego, um diese von ihm so ersehnte Unvoreingenommenheit im Umgang miteinander auch selbst anbieten und leisten zu können. Stattdessen hielt er seine Mitmenschen auf Distanz. Das konnte nicht funktionieren. So hatte auch ich als junger Bursche, den Jo gelegentlich mit „kid“ anredete, meine Schwierigkeiten damit. Eine gesunde Portion Herzlichkeit und ein kräftiger Schuss Humor jedenfalls hätten auch ihm nicht geschadet, von einer Prise Selbstironie ganz zu schweigen. Aber ich kann mich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal gemeinsam mit diesem Mann gelacht zu haben. Und so war seine Unnahbarkeit mitunter einfach nur auf traurige Weise lächerlich – besonders traurig, weil Lächerlichkeit garantiert dasjenige war, was er am allerwenigsten anstrebte.

Eine Weile lang hatte ich, wie schon gesagt, recht guten Kontakt zu ihm – vielleicht auch, weil ich ihm nützlich war. Nachdem er seinen Freund Udo Henrich bereits vergrault hatte, besorgte ich ihm noch einige Gigs im Rheinland. Und weil die Anekdote so schön ist: Einmal handelte ich mir dabei den Unwillen des ‚Düsseldorfer Literaturbüros’ ein. Dort hatte ich Jo Banks für eine aus Dichterlesung und Konzert kombinierte Sonntags-Matinee im Oberkasseler ‚Sassafras’ vermittelt, das damals dem inzwischen selbst fast legendären Eddie Christians gehörte. Jo jedenfalls stahl den lesenden Autoren dieses Tages derartig die Show, dass die beleidigten Herren anschließend mir den Hals umdrehten – ersatzweise für den schwarzen Mann, den zu beschimpfen sie sich als „echt progressive“ 68er natürlich nicht trauten. Auch dies zum Thema Lächerlichkeit.

Ein anderer Groll – ähnlich unverdient – traf mich kurze Zeit danach von Jo Banks persönlich bei meinem Besuch in Dänemark, obwohl der Zwischenfall eigentlich ganz lustig hätte sein können. Gemeinsam mit meinem Freund Mick, einem begnadeten Blues-Mundharmonika-Spieler, weilte ich für einige Tage bei Jo Banks in Kopenhagen, und er beherbergte uns in seiner Wohnung. Die teilte er mit einem bildschönen Rassekater – ich glaube, es war ein Siam-Kater – der auf den Namen Spot hörte. Spot hatte schon etliche Wettbewerbe gewonnen und war sein ganzer Stolz. Und der Hausherr betonte ausdrücklich, dass Spot sich von allen anderen Menschen fern hielte und nur ihm vertraute. Eines Morgens jedoch, als Jo uns weckte, fand er seinen Kater lang ausgestreckt und wohlig schnurrend an meiner Seite auf dem Schlafsack vor. Jo fühlte sich fürchterlich verraten, und er strafte mich – stellvertretend für den Kater – indem er von Stund an kein Wort mehr mit mir wechselte ...

Ich traf ihn dann 1979, sieben Jahre später, noch einmal. Er hatte sich inzwischen eine Band aus jungen dänischen Musikern zusammen gestellt, so dass er völlig frei singen und seinen Vortragsstil voll ausleben konnte. Mit dieser Band hatte er in Eigenproduktion die LP „Jo Banks & The Soul Train, A Small Part Of The Answer“ eingespielt, die sein Potential auf dem Höhepunkt seiner Entfaltung spiegelte. Tolle Aufnahmen! Und eine Tournee führte ihn noch einmal für einen Open-Air-Auftritt im kleinen Kreis alter ‚Danny’s Pan’-Freunde in die Nähe von Düsseldorf. Das Konzert war umwerfend. Befreit von der eher lästigen Gitarre und unterstützt von gekonnten Arrangements, führte er seine sorgsam inszenierten Songs beeindruckender auf denn je. Von der Hüfte an abwärts zwar nach wie vor stocksteif und nur mit Oberkörper, Armen und Kopf wirklich frei beweglich, schien er dennoch seine Texte regelrecht zu tanzen. Mit diesem Gig, ohne Light-Show und ähnliche Hilfsmittel gespielt, hätte er glatt auch auf einer Off-Broadway-Bühne Aufsehen erregt, und ich könnte mir sogar vorstellen, dass er mit einem Video bei MTV hätte Erfolg haben können. Leider hielt er jedoch nicht einmal die Band zusammen. Den jungen Leuten war er wohl zu unleidlich. Einer nach dem anderen ging, wurde ersetzt, noch einmal ersetzt, und schon bald gab es die Band nicht mehr.

Und das war auch das Letzte, was ich für lange Zeit über Jo Banks hörte. Seine zwei Schallplatten sind natürlich längst vergriffen, auch der ‚Club Purple Door’ existiert nicht mehr. Erst als ich im Frühjahr 2004 auf die Idee kam, die Geschichte dieses ungewöhnlichen Mannes und Künstlers aufzuschreiben, stieß ich im Internet auf Paul Banks, dem ich persönlich nie begegnet bin. Paul konnte mir mit einigen Informationen zu dieser Geschichte helfen (Herzlichen Dank dafür!), obwohl auch er kaum Kontakt zu seinem Adoptiv-Vater hatte und hat. Immerhin weiß ich von Paul, dass Jo Banks noch lebte, mit seiner Frau Ruth völlig zurück gezogen in einem kleinen Ort nicht weit von Kopenhagen, nahezu 90 Jahre alt, aber bei stabiler Gesundheit. Am 21. Februar 2011 schloss er für immer die Augen.

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© copyright Text Juli 2004, Mai und Oktober 2006 by Mojo Mendiola

© copyright kleines Foto etwa 1970, Fotograf ungenannt
© copyright Porträt etwa 1970, vermutlich ein Selbstporträt von Jo Banks
© copyright Live-Foto etwa 1970 by Ulrich Horn, im ‚Danny’s Pan’ Düsseldorf
diese Fotos aus der Sammlung Udo Henrich (digital restauriert von Mojo Mendiola)

Das Privatfoto von Ruth und Jo Banks entstand im Jahr 2005 und wurde mir im Mai 2006 von Ruth zur Verfügung gestellt.
Die Abbildungen der Platten-Cover wurden mir im Mai 2006 von Peter Poulsen aus Dänemark zu Verfügung gestellt. www.steppeulvene.com/index.jo_banks.html

Herzlichen Dank an Debra und Paul Banks, Bettina Henrich, Ruth Banks und Peter Poulsen