Jo Banks – ein
Blues ganz ohne Schema
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Es ist schon ungewöhnlich:
Zwei Jahre nach Veröffentlichung der ersten Version dieser Geschichte
tauchte zuerst Peter Poulsen auf mit einer Quelle, die mir vorher nicht
zugänglich gewesen war, sodass ich im Mai 2006 eine erste Aktualisierung
schrieb. Noch einmal ein halbes Jahr später hat sich nun Jo’s
Adoptivtochter Debra gemeldet, von deren Existenz ich trotz des Kontakts zu
ihrem Bruder Paul nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Sie konnte weitere
Details beisteuern und offene Fragen beantworten. Im Folgenden haben wir jetzt
also die dritte und vermutlich endgültige Fassung der Jo Banks-Geschichte:
Wer im Internet nach Jo Banks sucht,
findet überwiegend Einträge zu dem britischen Maler Jo Banks aus der
viktorianischen Epoche und zu der literarischen Figur Dr. Jo Banks, einer
jungen ƒrztin aus Manhattan in Robin Hathaway’s Roman
„Scarecrow“ (2003). ‹ber die Person, die ich meine,
erfährt man so gut wie nichts. Dabei ist die Geschichte dieses Mannes
absolut erzählenswert.
Geboren wurde Jo Banks im Jahr 1917
in der Gegend von Philadelphia, PA, zu einer Zeit also, in der bittere Armut
und permanente Diskriminierung für die allermeisten Schwarzen in den USA
noch an der Tagesordnung waren.
Über sein Elternhaus, seine
Kindheit und seine jungen Jahre sprach Jo nie. Inzwischen weiß ich, dass
er seinen Vater gar nicht, seine Mutter nur einmal als Vierjähriger zu
Gesicht bekam. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, einem schwarzen
Baptisten-Prediger, der selbst noch Sklave gewesen war, und einer Indianerin.
Der Großvater verstarb, als Jo fünf Jahre alt war, und der Junge kam
dann in ein Waisenhaus - merkwürdigerweise in Louisiana. In früher
Jugend schlug er sich tatsächlich noch als Baumwollpflücker,
später in den schwarzen Großstadt-Ghettos an der Ostküste als
Bauarbeiter, Küchenhelfer, Koch, Mittelgewichtsboxer und Baseball-Spieler
durch. Außerdem war er eine Zeitlang als Redakteur in Texas tätig
(vermutl. in Dallas), bis er eines bestimmten Artikels wegen vom Ku Klux Klan
geteert, gefedert und aus der Stadt gejagt worden sein soll. Während des
2. Weltkriegs fuhr er als Matrose der Handelsmarine zur See.
Wohl nach Kriegsende ließ er
sich in Chicago nieder. Als Matrose war er auch nach Kopenhagen gekommen, hatte
dort einen Fotografen kennengelernt und war ihm zur Hand gegangen. Nun machte
er sich mit einem eigenen Porträt-Studio auf der Südseite der
„Windy City“ einen ausgezeichneten Namen. Er hat mir noch Aufnahmen
von Persönlichkeiten aus der Film- und Musikbranche gezeigt. Klassische
Schwarz-Weiß-Fotografien, geschaffen in meisterlich inszenierten Licht-
und Schatten-Kompositionen von zeitloser Schönheit. Und sein Ruf reichte
weit über die Stadt hinaus, wie mehrere Veröffentlichungen über
ihn in amerikanischen Fachzeitschriften belegten. Auch davon habe ich einige
1972 noch selbst gesehen. Nur kann ich sie hier leider nicht zitieren, denn
damals dachte ich noch nicht daran, mir solche Details schriftlich für
später zu merken.
Und es blieb nicht beim Fotografieren. Jo trat
als Sänger auf und begleitete sich dabei auf der Gitarre. In der
berühmten Old Town School Of Folk Music hatte er inzwischen etwas spielen
gelernt. Sein Repertoire bestand aus Klassikern des ländlichen und
frühen großstädtischen Blues und aus eigenen Titeln, und es
muss vor allem während der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gewesen
sein, als er sich auf kleinen und kleinsten Club-Bühnen seinen höchst
eigenwilligen Vortragsstil schuf, der mit keinem anderen mir bekannten
schwarzen Künstler jener Zeit vergleichbar wäre. Während dieser
Zeit eröffnete er in Chicago auch seinen ersten ‚Club Purple Door’
und etwas später ein größeres Lokal, den ‚Club Green
Door’, im Hyde Park-Viertel von Chicago. Sie wurden schnell zu
Treffpunkten unter den Insidern der Stadt. Hier schlossen Jo und seine
weiße Frau Karen, selbst Musikerin und als Studentin eine Kommilitonin
von Pete Seeger’s Halbbruder Mike und eine engagierte
Bürgerrechts-Aktivistin, so manche Freundschaft mit später
weltbekannten Blues-Größen, allen voran mit Big Bill Broonzy, den
Karen schon vor ihrer gemeinsamen Zeit mit Jo kennen gelernt hatte. Ihr ist es
auch zu verdanken, dass Jo Banks viele Jahre lang die letzte Gitarre von Big
Bill Broonzy hütete.
Diese Gitarre ist eine Geschichte
für sich. Gerüchteweise sind noch zwei andere Gitarren als Big
Bill’s Instrumente im Gespräch, von denen eine (zeitweise im Besitz
von John Pearse) völlig ausscheidet, weil nicht alt genug, während
die andere zumindest von Big Bill gespielt wurde. (Dass es sich dabei um das
Instrument handelt, das in der Old Town School of Folk Music in Chicago
aufbewahrt wird, konnte mir inzwischen Hans Theessink bestätigen. Danke,
Hans!). Diese hier ist aber ganz sicher echt und das letzte Instrument, das
Bill besessen hat. Es handelt sich um eine Martin 0017, gebaut im Jahr 1940 aus
kubanischem Mahagoni. Das war vor dem Sieg der kubanischen Revolution im Jahr
1959 ein ziemlich billiges Holz in den USA, und die Gitarre kostete Bill gerade
mal $ 42 – auch damals nicht sehr viel Geld. Nach Big Bill’s Tod im
August 1958 ordnete Karen Banks seinen Nachlass und kaufte Big Bill’s
verschuldeter Witwe das Instrument für $ 150 ab. Bis heute befindet es
sich im Besitz der Familie Banks. Nach Karen’s frühem Tod 1964 war
es in Jo’s Obhut, und ich werde nie vergessen, mit welcher Ehrfurcht ich
als 18jähriger das Instrument aus seinem Koffer nahm, in Händen hielt
und ein paar zaghafte Akkorde darauf anschlug, als Jo es mir 1972 in Kopenhagen
zeigte. Heute gehört das geweihte Stück, inzwischen sorgfältig
restauriert, Karen’s Sohn, Jo’s Stiefsohn Paul Banks und wird von
dessen jüngstem Sohn gespielt.
Es waren die guten Erinnerungen an
Kopenhagen, die Jo 1961 dazu bewegten, mit seiner Familie nach Dänemark
umzusiedeln. Dort hatte er zum ersten Mal nicht dauernd an seine Hautfarbe
denken müssen, sagte er einmal zu seiner Adoptivtochter. Man bedenke, dass
Mischehen zwischen Schwarzen und Weißen zu dieser Zeit in den Staaten
noch starken, ja brutalen Anfeindungen ausgesetzt waren. Hinzu kam, dass der
Kampf um die Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung ganz
allgemein in seine heißeste Phase eintrat. Viele schwarze Künstler
verließen damals die Staaten in Richtung Europa, etliche davon gingen
nach Paris. Einer der Punkte, die zur Radikalisierung des Konflikts beitrugen,
war ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 17. Mai 1954 im Fall „Brown
versus Board of Education of Topeka, Kansas“, mit dem die Rassentrennung
an den amerikanischen Schulen und Universitäten zwar offiziell aufgehoben
worden war, an dessen Umsetzung es aber allenthalben nach wie vor mangelte.
Und dies führt mich auf einen
der markantesten Züge von Jo’s Persönlichkeit. Denn Jo war kein
einfacher schwarzer Junge vom Lande geblieben, der ein bisschen Musik machte
und mehr oder weniger zufällig auch noch ein ausgezeichneter Fotograf
geworden war. Jo war hoch gebildet und jedem Gespräch unter Intellektuellen
gewachsen. Er zitierte nicht nur Shakespeare aus dem ƒrmel. Er kannte sich
bei europäischen Philosophen von Plato bis Nietzsche aus und beherrschte
ein umfangreiches Geschichtswissen, was für Amerikaner ganz allgemein bis
heute untypisch geblieben ist. Da stellt sich die Frage, wie Jo Banks es
geschafft hatte, sich dieses Bildungsniveau anzueignen, in einer Zeit, in der
alle offiziellen Bildungseinrichtungen den Schwarzen verschlossen waren.
Er selbst erzählte mir einmal,
er sei Autodidakt, habe sich alles selbst zusammen gesucht und angelesen. Das
ist schon möglich. In den Autobiographien so mancher Black Panther- und
Black Muslim-Aktivisten ist nachzulesen, dass auch sie ihren Intellekt auf
eigene Faust in Bibliotheken geschult hatten, ehe sie öffentlich in
Erscheinung traten – zumeist in den Bibliotheken der Gefängnisse, in
denen sie immer wieder einsitzen mussten. Sie erwähnen aber auch, dass sie
konkrete Mentoren gehabt hatten, einzelne Persönlichkeiten, die sie an die
Lektüre herangeführt und ihre ersten Schritte begleitet hatten. Auf
diese Weise wurde beispielsweise Malcolm X einer der brillantesten Analytiker
der amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit. Sein Mentor war selbst ein
Schwarzer gewesen. Und schließlich gab es auch die kleine Klasse der
sogenannten „schwarzen Bourgeoisie“, die ihre Bildung der gezielten
Förderung durch liberal eingestellte, wohlhabende Weiße verdankte.
Von solchen Begegnungen und
Erfahrungen sprach Jo Banks jedoch nicht, so wie er mir auch nie erzählte,
von wem er das Fotografieren oder das Gitarrespielen erlernt hatte. Deshalb
hatte ich in meiner ersten Version dieser Geschichte einige spekulative
Überlegungen dazu angestellt.
Dabei ist die Lösung ganz
einfach. Denn das Waisenhaus in Louisiana war eine katholische Einrichtung
gewesen. Und obwohl die katholische Kirche zwar für hervorragende Schulen,
nicht aber als Vorreiterin im Kampf gegen den Rassismus bekannt ist, ließ
das katholische Waisenhaus in seiner eigenen Schule und ungeachtet der damals
noch gültigen Rassenschranken dem kleinen Jo eine gute Ausbildung
angedeihen. Es verband damit wohl die Hoffnung, Jo würde später auch
das Priesterseminar besuchen, denn in den USA hatten die Katholiken damals
schon Priestermangel. Da spielte Jo zwar nicht mit, denn mit 16 riss er aus,
aber die Zeit bis dahin hatte er fleißig genutzt und danach niemals
aufgehört weiter zu lesen. Jedenfalls hob ihn sein geschliffener Intellekt
deutlich aus dem Kreis der bekannten Blues-Musiker heraus und trug bei zu der
Faszination, die Jo auf andere Menschen ausübte. Und er war sich dessen
auch durchaus bewusst. Er bezeichnete sich selbst mir gegenüber einmal als
„refined Negro“, ohne das allerdings näher zu kommentieren.
Wie dem auch sei, 1961 ließ er
sich mit seiner Familie in Dänemark nieder und bezog ein Apartment in der
Nähe des Hafens von Kopenhagen. Das geräumige Wohnzimmer diente
zugleich als Fotostudio und entwickelte sich alsbald auch zu einem Treffpunkt,
an dem sich junge Musiker zu sonntäglichen Sessions trafen. Die Konsequenz
war die Eröffnung eines neuen ‚Club Purple Door’ am
Højbro Plads, der später neue Räumlichkeiten in der
Fiolstræde fand und von dort aus „Weltruhm“ erlangte. Denn
wie Jo stolz berichtete, pilgerten musikbegeisterte junge Leute auf ihren
Rucksackreisen auch aus entfernten Weltgegenden zu ihm und reichten die Adresse
untereinander weiter. Jo konnte mir sogar Postkarten aus Australien zeigen.
Aber auch in Kopenhagen selbst war der
‚Club Purple Door’ eine Sensation. Ein Café für junge
Leute mit Blues- und Folk-Musik live, wenn auch klein und ohne richtige
Bühne, hatte es zuvor in Dänemark nicht gegeben. Und die
persönliche Ausstrahlung von Jo Banks sorgte dafür, dass er auch viel
öffentliche Aufmerksamkeit fand. Die Zeitungen berichteten über ihn,
er trat mehrfach im dänischen Fernsehen auf, und 1965 veröffentlichte
die dänische Columbia eine LP von Jo Banks mit dem Titel „Jo Banks
Of The Purple Door“, eine sparsame Produktion im Stil jener Zeit, auf der
Jo Banks einige traditionelle Folk- und Blues-Songs sowie eigene Titel vortrug.
Beim 6. Folk & Blues Festival in
Syke bei Bremen trat Jo dann vermutlich zum ersten Mal in Deutschland auf
(zusammen mit seinem Stiefsohn Paul). Wann genau das war, kann man mir heute
nicht einmal mehr in Syke selbst sagen, aber es muss wohl 1969 gewesen sein.
Dort traf er mit dem Folk-Blues-Gitarristen und -Sänger Udo Henrich aus
Düsseldorf zusammen, der sich daraufhin vornahm, Jo auch in Deutschland
bekannter zu machen. Von Udo stammt auch das bis jetzt einzig brauchbare Info-Papier
über Jo Banks, von dem ich noch ein vergilbtes Exemplar in meinem Archiv
hüte. Und seine Tochter Bettina – Udo verstarb traurigerweise
früh – konnte mir auch die hier abgebildeten Fotos aus dem Nachlass
ihres Vaters zur Verfügung stellen. Herzlichen Dank dafür! Udo
Henrich organisierte eine Reihe von Auftritten für Jo Banks in Deutschland
und brachte ihn auch in den Düsseldorfer Folk-Club ‚Danny’s
Pan’, wo ich Jo dann kennen lernte.
Die Auftritte von Jo Banks im
‚Danny’s Pan’ waren in mehrfacher Hinsicht eine Offenbarung.
Für uns junge Leute von gerade mal 17 Jahren war es die erste Begegnung
mit einem „echten“ schwarzen Amerikaner. Schwarze gehörten
damals generell noch nicht so selbstverständlich zum Straßenbild deutscher
Städte wie heute. Es gab nur ein paar wenige Studenten und Diplomaten aus
Afrika. Es sei denn, man lebte im Großraum Frankfurt, wo es viele
schwarze GIs gab, und wo deshalb auch schon früh schwarz-amerikanische
Musiker auftraten. Wir aber kannten schwarze Musik bis dahin nur von Schallplatten
oder von weißen Adepten.
Wenn Jo die Bühne betrat,
füllte er mit seiner Aura sofort den ganzen Raum aus, noch ehe er die
erste Note gesungen hatte. Er war nicht der locker-sportive Typ, der mit dem
ganzen Körper in swingende Bewegung geriet, wenn er spielte, wie die
damals jungen Jazzer. Stattdessen schien er – auch noch mit Krawatte
– auf eine fast schon britische Art steif. Er war auch nicht der etwas
müde wirkende Mann, der mit breitem Südstaaten-Akzent und tiefschwarzem
Slang von Whisky und Frauen sang, wie etwa John Lee Hooker. Er stand wie fest
genagelt und kerzengerade auf der Bühne (nur gelegentlich benutzte er
einen Hocker), sprach und sang ein sauber artikuliertes, fast schon
unamerikanisches Englisch und verbreitete eine nicht so sehr
majestätische, sondern nahezu despotische Ausstrahlung. Er riss sein
Publikum nicht mit in Begeisterung, sondern er ließ es in
andächtiger Erfurcht erstarren. Er wirkte wie ein Magier, der sich mit
Kaninchen gar nicht erst aufhielt, sondern direkt sein ganzes Publikum mit
einem Bann belegte, aus dem er kein Entrinnen duldete.
Und musikalisch hielt er sich auch
nicht an das zwölftaktige Blues-Schema, nahm sich vielmehr alle
Freiheiten, die ihm geeignet erschienen. Er war auch gar kein Blues-Sänger
im üblichen Sinne, sondern ein Künstler, für den der Blues nur
eine von vielen Quellen war, aus denen er seine Ausdrucksmöglichkeiten
schöpfte. Ein Blues-Sänger war er allenfalls in dem Sinne, dass das
weiße Publikum eine Schublade hatte, in die es einen schwarzen
Sänger mit Gitarre stecken konnte – nur, dass Jo Banks sogleich
wieder daraus hervor sprang, um seine Zuhörer eines Besseren zu belehren.
Und sein Vortragsstil war einmalig.
Die Gitarre spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Was er den Saiten
entlockte, klang eher holprig und ungelenk und hätte niemanden
beeindruckt. Selbst wir blutjungen Deutschen spielten flüssiger,
swingender, modulationsreicher. Aber seine Stimme war ein Instrument von
unwiderstehlicher Magie, fast eine Waffe. Sie hatte keinen warmen, sonoren
Klang, sondern eher etwas Schrilles, und er liebte es, sich in den hohen
Tonlagen auszutoben. Er war ein absolut tonsicherer Sänger, bewegte sich
aber ständig in Richtung eines Sprechgesangs, der ihm mehr
Möglichkeiten bot, jedes Wort, jede Silbe unabhängig von Rhythmus und
Melodie so zu betonen, wie ein Theaterschauspieler das tut. Überhaupt
hatte seine Performance viel vom Sprechtheater europäischer Tradition.
Auch wenn Jo sang, ließ Shakespeare grüßen. Und so standen
denn auch seine Texte absolut im Vordergrund, und da schienen ihm die
traditionellen Inhalte des Blues nicht so bedeutsam wie glasklare Statements
zur Zeit. Ob er die endlosen Selbsttäuschungen eines Junkies über
seine angebliche Nicht-Abhängigkeit vom Stoff schilderte oder die Verlogenheit
der politischen Klasse, die er, mit Anspielungen auf Hitler wie auf Nixon, als
einen Haufen ebenso erbärmlicher wie gefährlicher Propaganda-Clowns
porträtierte – an Deutlichkeit stand er den Protestsongs jener Zeit
nichts nach. Und wenn er dann doch irgendwann Gershwin’s
„Summertime“ oder das Traditional „Will The Circle Be
Unbroken“ anstimmte, dann war das mehr ein Zugeständnis an die
Erwartungen des Publikums als Jo’s eigenes inneres Bedürfnis. Sein
Paradestück war der „Toy Shop Killer“, in dem er eine direkte
Linie von kindlicher Weihnachtsfreude an Kriegsspielzeug über die Greuel
des Vietnam-Krieges bis zum finalen Overkill zog. Diesen Song inszenierte er
wie einen anspruchsvollen Gruselfilm, zog all seine Register und wirkte dabei
so zwingend, dass sich kaum jemand einer Gänsehaut erwehren konnte. Die
Sargnummer von Screamin’ Jay Hawkins und die Streiche so mancher
späteren Gruftie-Band waren schwach dagegen.
Wenn Jo die Bühne verließ,
hinterließ er kein Gefühl von Wärme oder Freude, sondern vor
allem das Gefühl der Beklemmung. Dies schadete ihm jedoch keineswegs. Das
Publikum war zu dieser Zeit ja offen für kritische Ansätze, Warnungen
und Appelle aller Art. Seichte Unterhaltungsmusik lag sowohl in Amerika als
auch in Europa scheinbar im Sterben. Der Disco-Hammer als erster einer neuen
und bis heute nicht abgerissenen Serie von industriellen Schlägen gegen
Musik mit Grips, gegen Vergnügen mit Geist (außerhalb der
Klassik-Abteilung, versteht sich) war noch nicht hernieder gesaust. Und die
Faszination, die von Jo’s Bühnenauftritten ausging, war
unentrinnbar. Es blieb ein Weilchen still im Raum, bis das Publikum sich wieder
gefasst hatte, aber dann gab es donnernden und lang anhaltenden Applaus.
Interessant war aber auch, wovon er
nicht sang: Nicht nur, dass er – anders als in seinen Anfängen
– kaum noch einen Blues im Repertoire hatte, er setzte sich
überhaupt nicht mit seinem Schwarzsein auseinander, ignorierte es
scheinbar völlig.
Sein Freund Big Bill Broonzy hatte z. B. gesungen:
„If you’re white that’s alright / if you’re brown stick
around / but if you’re black, oh brother / git back, git back, git
back“, und James Brown’s funky Hymne „Say it loud, I’m
black and I’m proud“ war immer noch in jedermanns Ohr.
Aber bei aller sonstigen Schärfe gab es
zum Thema Hautfarbe und Rassismus bei Jo kein Wort.
Es war schon damals, als mein Kontakt
zu Jo relativ eng war, unmöglich, mit ihm darüber zu sprechen. Keine
Erläuterung, dass ihm vielleicht das Blues-Schema zu eng geworden
wäre oder dass er den Blues in Europa nicht mehr so authentisch
fühlen würde – irgendetwas in dieser Art, das ihn einerseits in
eine persönliche Beziehung zur schwarzen Tradition gesetzt und zugleich
seine Abkehr davon plausibel erklärt hätte. Sein oben erwähntes
Zitat vom „refined Negro“ war das einzige, was ich von ihm dazu
hörte. Obwohl er durchaus zur Kenntnis nahm, dass ich solche Themen nicht
aus vordergründiger Neugier oder weißem Klischeedenken heraus
anschnitt, sondern wirklich etwas von ihm lernen wollte, wich er stets aus. So
bleibt auch hier nur der Versuch, sich ihm aus mehr generellen Kenntnissen und
Erfahrungen heraus zu nähern.
Die Schwarzen in den USA beteiligten
sich natürlich nicht alle am offensiven Kampf um ihre Bürgerrechte.
Viele suchten auch Wege, sich ohne aktiven Widerstand dem rassistischen Druck
zu entziehen. Die Sitte, sich das schwarze Kraushaar durch einen schmerzhaften
Prozess zu glätten und womöglich zu färben und dazu auch noch
die Haut durch Einnahme von Medikamenten zu bleichen, war einer davon, wenn
auch ein sehr naiver. Die Afro-Wagenrad-Frisuren der 1960er Jahre waren die
Antwort der Aktivisten auf diesen Verdrängungs- und Anpassungsversuch. Der
Afro-Look blieb jedoch eine kurzlebige Mode, die sog. Conk-Frisuren, die
geglätteten also, gibt es bis heute. Und den Extrem-Versuch, sein
Äußeres möglichst „weiß“ zu gestalten,
exerzierte wohl Michael Jackson vor – bis zur völligen
Zerstörung seines eigenen Gesichts. Sehr hellhäutige Schwarze nahmen sogar
eine ganz neue Identität an. Während andere sich voller Stolz
provokante, afrikanisch klingende Namen zulegten, wechselten sie den Wohnsitz
und ließen sich irgendwo nieder, wo sie niemand von früher kannte,
um dort als Weiße weiter zu leben. Kein Problem im Vielvölkerland
Amerika, wo eine nur leicht braune Hautfarbe vielerlei Rückschlüsse
zulässt. Es kam vor, dass nicht einmal die Ehepartner von der schwarzen
Abstammung solcher Grenzgänger wussten. Und ich werde hier nicht von den
Schäden erzählen, die sie in ihren allzu angepassten Seelen erlitten,
und die sich in vielen Fällen später in dramatischen Konflikten
entluden. Schließlich gab es noch die, die nach Europa kamen. Die
genossen zwar den Umstand, hier deutlich weniger Rassismus in ihrem Alltag zu
erleben, traten aber auch ganz entschieden als Vertreter der
afro-amerikanischen Kultur in Erscheinung, und einige von ihnen beteiligten
sich aus dem Exil heraus vehement am Bürgerrechtskampf in den USA, z. B.
der Schriftsteller James Baldwin.
Jo Banks passte in keine dieser
Kategorien. Er kam nach Europa und tat scheinbar so, als sei damit die Frage
seiner Herkunft vollständig erledigt, als ginge sie ihn nichts mehr an.
Schwarz oder Nichtschwarz schien in seinem Denken nicht mehr vorzukommen,
während es in den Staaten nach wie vor eines der explosivsten Themen war.
Beschäftigen wollte er sich nur mit den übergeordneten Fragen der
ganzen Menschheit, nicht mit Teilbereichen. Das europäische Bildungsgut
hatte er so perfekt assimiliert, dass er manchen europäischen
Gesprächspartner damit zu überflügeln vermochte. Dies schien
aber für ihn kein Akt der Anpassung zu sein, denn dazu trat er viel zu
selbstbewusst und souverän auf. Vielmehr schien er sich durch die Teilhabe
an der „weißen Kultur“ der Verpflichtung gegenüber der
schwarzen Tradition enthoben zu fühlen und wollte sich –
verständlicherweise – schon gar nicht von Weißen wieder
zurück auf den Blues festlegen lassen.
Indes hatte er entschieden zuviel
Format, um wirklich zu glauben, dass man ein solches Erbe so einfach hinter
sich lassen könnte. Ich vermute deshalb vielmehr, dass er diese Haltung
als eine Art permanenter Forderung an seine Mitmenschen gelebt hat. So
irrelevant, wie das Thema Hautfarbe in der Tat eigentlich sein müsste, so
wollte er es auch behandelt sehen – quasi im Vorgriff auf bessere Zeiten,
in denen die Menschen, ganz ungeachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft, einmal
so vorbildlich miteinander umgehen würden wie auf der Brücke des
Raumschiffs ‚Enterprise’. Ich glaube, aus dieser Perspektive wird
man ihm am ehesten gerecht.
Aber er stieß damit auch manch
einen vor den Kopf. Zu schwer zu verstehen war diese Haltung, denn anders als
vielen anderen fehlte ihm jenes kleine bisschen Abstand zum eigenen Ego, um
diese von ihm so ersehnte Unvoreingenommenheit im Umgang miteinander auch
selbst anbieten und leisten zu können. Stattdessen hielt er seine
Mitmenschen auf Distanz. Das konnte nicht funktionieren. So hatte auch ich als
junger Bursche, den Jo gelegentlich mit „kid“ anredete, meine
Schwierigkeiten damit. Eine gesunde Portion Herzlichkeit und ein kräftiger
Schuss Humor jedenfalls hätten auch ihm nicht geschadet, von einer Prise
Selbstironie ganz zu schweigen. Aber ich kann mich nicht erinnern, auch nur ein
einziges Mal gemeinsam mit diesem Mann gelacht zu haben. Und so war seine Unnahbarkeit
mitunter einfach nur auf traurige Weise lächerlich – besonders
traurig, weil Lächerlichkeit garantiert dasjenige war, was er am
allerwenigsten anstrebte.
Eine Weile lang hatte ich, wie schon
gesagt, recht guten Kontakt zu ihm – vielleicht auch, weil ich ihm nützlich
war. Nachdem er seinen Freund Udo Henrich bereits vergrault hatte, besorgte ich
ihm noch einige Gigs im Rheinland. Und weil die Anekdote so schön ist:
Einmal handelte ich mir dabei den Unwillen des ‚Düsseldorfer
Literaturbüros’ ein. Dort hatte ich Jo Banks für eine aus
Dichterlesung und Konzert kombinierte Sonntags-Matinee im Oberkasseler
‚Sassafras’ vermittelt, das damals dem inzwischen selbst fast
legendären Eddie Christians gehörte. Jo jedenfalls stahl den lesenden
Autoren dieses Tages derartig die Show, dass die beleidigten Herren
anschließend mir den Hals umdrehten – ersatzweise für den
schwarzen Mann, den zu beschimpfen sie sich als „echt progressive“
68er natürlich nicht trauten. Auch dies zum Thema Lächerlichkeit.
Ein anderer Groll –
ähnlich unverdient – traf mich kurze Zeit danach von Jo Banks
persönlich bei meinem Besuch in Dänemark, obwohl der Zwischenfall
eigentlich ganz lustig hätte sein können. Gemeinsam mit meinem Freund
Mick, einem begnadeten Blues-Mundharmonika-Spieler, weilte ich für einige
Tage bei Jo Banks in Kopenhagen, und er beherbergte uns in seiner Wohnung. Die
teilte er mit einem bildschönen Rassekater – ich glaube, es war ein
Siam-Kater – der auf den Namen Spot hörte. Spot hatte schon etliche
Wettbewerbe gewonnen und war sein ganzer Stolz. Und der Hausherr betonte
ausdrücklich, dass Spot sich von allen anderen Menschen fern hielte und
nur ihm vertraute. Eines Morgens jedoch, als Jo uns weckte, fand er seinen
Kater lang ausgestreckt und wohlig schnurrend an meiner Seite auf dem
Schlafsack vor. Jo fühlte sich fürchterlich verraten, und er strafte
mich – stellvertretend für den Kater – indem er von Stund an
kein Wort mehr mit mir wechselte ...
Ich traf ihn dann 1979, sieben Jahre
später, noch einmal. Er hatte sich inzwischen eine Band aus jungen
dänischen Musikern zusammen gestellt, so dass er völlig frei singen
und seinen Vortragsstil voll ausleben konnte. Mit dieser Band hatte er in
Eigenproduktion die LP „Jo Banks & The Soul Train, A Small Part Of
The Answer“ eingespielt, die sein Potential auf dem Höhepunkt seiner
Entfaltung spiegelte. Tolle Aufnahmen! Und eine Tournee führte ihn noch
einmal für einen Open-Air-Auftritt im kleinen Kreis alter
‚Danny’s Pan’-Freunde in die Nähe von Düsseldorf.
Das Konzert war umwerfend. Befreit von der eher lästigen Gitarre und
unterstützt von gekonnten Arrangements, führte er seine sorgsam
inszenierten Songs beeindruckender auf denn je. Von der Hüfte an
abwärts zwar nach wie vor stocksteif und nur mit Oberkörper, Armen
und Kopf wirklich frei beweglich, schien er dennoch seine Texte regelrecht zu
tanzen. Mit diesem Gig, ohne Light-Show und ähnliche Hilfsmittel gespielt,
hätte er glatt auch auf einer Off-Broadway-Bühne Aufsehen erregt, und
ich könnte mir sogar vorstellen, dass er mit einem Video bei MTV
hätte Erfolg haben können. Leider hielt er jedoch nicht einmal die
Band zusammen. Den jungen Leuten war er wohl zu unleidlich. Einer nach dem
anderen ging, wurde ersetzt, noch einmal ersetzt, und schon bald gab es die
Band nicht mehr.
Und das war auch das Letzte, was ich für
lange Zeit über Jo Banks hörte. Seine zwei Schallplatten sind
natürlich längst vergriffen, auch der ‚Club Purple Door’
existiert nicht mehr. Erst als ich im Frühjahr 2004 auf die Idee kam, die
Geschichte dieses ungewöhnlichen Mannes und Künstlers aufzuschreiben,
stieß ich im Internet auf Paul Banks, dem ich persönlich nie
begegnet bin. Paul konnte mir mit einigen Informationen zu dieser Geschichte
helfen (Herzlichen Dank dafür!), obwohl auch er kaum Kontakt zu seinem
Adoptiv-Vater hatte und hat. Immerhin weiß ich von Paul, dass Jo Banks
noch lebte, mit seiner Frau Ruth völlig zurück gezogen in einem
kleinen Ort nicht weit von Kopenhagen, nahezu 90 Jahre alt, aber bei stabiler
Gesundheit. Am 21. Februar 2011 schloss er für immer die Augen.
© copyright Text Juli 2004, Mai und
Oktober 2006 by Mojo Mendiola
© copyright kleines Foto etwa
1970, Fotograf ungenannt
© copyright Porträt etwa 1970, vermutlich ein Selbstporträt von
Jo Banks
© copyright Live-Foto etwa 1970 by Ulrich Horn, im ‚Danny’s
Pan’ Düsseldorf
diese Fotos aus der Sammlung Udo Henrich (digital restauriert von Mojo
Mendiola)
Das Privatfoto von Ruth und Jo Banks
entstand im Jahr 2005 und wurde mir im Mai 2006 von Ruth zur Verfügung
gestellt.
Die Abbildungen der Platten-Cover wurden mir im Mai 2006 von Peter Poulsen aus
Dänemark zu Verfügung gestellt.
www.steppeulvene.com/index.jo_banks.html
Herzlichen Dank an Debra und Paul
Banks, Bettina Henrich, Ruth Banks und Peter Poulsen